Motiv und Persönlichkeit

Das Deliktverhalten des Drohens und der Gewaltanwendung ist häufig eine Folge von Persönlichkeitsmerkmalen einerseits und/oder situativer Bedingungen andererseits.

 

Vereinfacht dargestellt können drei persönlichkeitsbezogene Rahmungen für Formen schwerster Gewalt unterschieden werden:

 

1) Die Gewalt(bereitschaft) stellt eine Ausnahme im Leben des Akteurs dar: Ein schwerer Gewaltausbruch – auch im Rahmen des erweiterten Suizids - kann von besonderen respektive situativen Schwierigkeiten ausgehen, denen eine ansonsten angepasste, eher still, zurückgezogen und scheinbar geordnet oder harmonisch lebenden Person ausgesetzt sieht.

 

2) Die Gewalt(bereitschaft) erscheint als wiederkehrenden Musters in Drucksituationen: Manche Personen stehen wiederkehrend selbst stark unter sozialem oder persönlichen Druck und entwickeln Macht- und Kontrollbedürfnissen, Ängste, Depressionen oder Ambivalenzen zwischen Idealisierung und Verachtung anderer. In der Folge kann es zu einem Wechsel von Spannungsaufbau, Gewalthandlungen und periodischer Versöhnung mit den Konfliktpartnern kommen. Am Ende solcher Zyklen steht nicht selten eine Aggressionsverschärfung, welche sich in schwersten Gewalt- und Tötungshandlungen Ausdruck verleiht.

 

3) Die Gewalt(bereitschaft) generiert sich aus risikorelevanten Persönlichkeitsmerkmalen des Akteurs, z.B. einer antisozialen Haltung und Lebensweise, Dominanzbedürfnissen oder delinquenzfördernden Anschauungen. Die Biografie des Problemträgers bzw. (potentiellen) Täters ist schon im Vorfeld vor einer sehr schweren Gewaltaktion von schädigenden Haltungen und Handlungen, Dissozialität und Vorstrafen belastet, unter denen ein breiteres soziales Umfeld leidet.

 

Eine andere Perspektive auf die Täter ist geschlechterspezfisch (Genderaspekte): Meist handelt es sich bei den Tätern um Männer. Ihre Geschichte ist eine Krise der Männlichkeit. Sie wollen anerkannt sein, ohne Angst sein, durch martialische Selbstinszenierung eigene Schwächen ausgleichen. Sie wollen – vielfach nach Jahren der Unauffälligkeit - durch Drohungen und Gewalt jahrlange Unzulänglichkeiten und Beeinträchtigungen kompensieren, endlich sichtbar sein, eine neue Rolle und Identität entwickeln.

Daneben gibt es noch andere Hintergründe, die im Einzelfall zu untersuchen sind – auch bei den wenigen "Amok"-Täterinnen (wie jene von Lörrach).

 

Vereinfacht dargestellt kann man zusammenfassen: "Beim Persönlichkeitstäter ist das Problem die Person. Beim Situationstäter ist das Problem die Situation" (Urbaniok 2012, S.31)

 

Die Mehrfachtötung hat meist auch einen interaktionellen und gesellschaftlichen Bezug:

Die mörderische Tat ist ein Selbstzeugnis des Täters und seine Botschaft an die Gesellschaft.